Ursprünge
... Ich hatte ein Maleratelier in der Nähe der Plaza de España, und pflegte Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen. In einem Jahr ereignete es sich, als ich zu Hause war, um Weihnachten zu feiern, ich in die Küche kam, und sah, wie die Köchin gerade weinte. Ich fragte sie: ,,Berta, - so hieß sie - was haben Sie?" Sie erzählte mir, dass ihr Ehemann Trinker war, dass er den Sohn töten wollte, und sich der Sohn mit dem Vater verfeindet hat... Sie erzählte mir eine Geschichte, die mich bestürzt hat. Und ich spürte von Gott, dass ich ihr helfen sollte.
La baracca di Kiko a Palomeras Altas

Ich holte den Mann und brachte ihn dazu, einen ..Cursillo de Cristianidad" (Glaubenskurs) zu machen. Er war tief beeindruckt, als er mich sprechen hörte. Darauf trank er einige Monate lang nicht mehr, fing aber später wieder an und der Krach ging von vorne los. Die Frau rief mich: ..Señor Kiko, kommen Sie bitte. Mein Mann will uns alle töten, rufen sie die Polizei!" Sie ließen mich nicht mehr in Frieden. Zum Schluss dachte ich: „Und wenn Gott mir damit sagt, alles zu verlassen und ganz hier zu leben, um ihnen zu helfen?" Ich verstand, ließ alles zurück und lebte fortan mit jener Familie. Ich schlief in einer sehr kleinen Küche, die voller Katzen war.

Ich lebte dort, und diese ganze Umgebung beeindruckte mich tief, ich sage es euch in Wahrheit. Es gab viele Leute, die unter entsetzlichen Umstanden lebten. Ich weiß nicht, ob ihr das Buch ,,Die Pest" von Camus kennt, das das Leiden der Unschuldigen thematisiert. Jene Frau, Berta, erzählte mir. Dass ihr Mann, der lahm war, allen Nachbarn gesagt hatte, dass er sie heiraten werde, um sich für die Demütigungen zu rächen, die er erfahren hatte, denn sie war das hübscheste Mädchen des Viertels. Alle lachten ihn aus. Wissen Sie. Wie er sie geheiratet hat? Er hat ihr ein Messer an die Kehle gesetzt und zu ihr gesagt: ,,Wenn du mich nicht heiratest, mache ich deinen Vater kalt." Und er hätte es getan. Ihr Vater war Witwer und sie war allein, sehr schüchtern und furchtsam.

Vor all dem gab es nur zwei Antworten: Kennt ihr den berühmten Satz von Nietzsche? „Entweder Gott ist gut und kann nichts tun, um diesen armen Leuten zu helfen, oder Gott kann ihnen helfen und tut es nicht, und dann ist er böse." Dieser Satz enthält Gift. Kann Gott dieser Frau helfen oder nicht?
In dieser Lage erlebte ich eine große Überraschung. Wisst ihr, was ich dort sah, in jenen Leuten? Ich sah nicht das, was Nietzsche sagt, dass Gott kann oder nicht kann, ich sah in ihnen den gekreuzigten Christus. Ich sah Christus in Berta, in dieser Frau, die Parkinson hatte, in jenem anderen. Ich sah ein Geheimnis: das Geheimnis des Kreuzes Christi. Und das überraschte mich ungemein, ich sage es ehrlich.

Dann schickte man mich nach Afrika, um den Militärdienst abzuleisten. Ais ich heimkehrte, sagte ich bei mir selbst: Wenn Christus morgen bei seiner zweiten Wiederkunft auf die Erde zurückkehrt, weiß ich nicht was in dieser Welt geschehen wird. Aber wisst ihr, wo ich von Jesus Christus angetroffen werden möchte? Zu Füssen des gekreuzigten Christus. Und wo ist Christus gekreuzigt? In denen, die mit dem größten Leid beladen sind, mit den Konsequenzen der Sünden aller. Sartre sagt: ,,Weh dem Menschen, den der Finger Gottes gegen die Wand schmettert!" Denn ich habe viele Leute gesehen, die gegen die Wand geschmettert worden waren, ich habe viele Arme gesehen, die durch die Folgen der Sünde zermalmt worden waren, Hinfällige, anonyme Kreuzträger...

Die Schwester von Carmen gehörte zu einer Gesellschaft, die ..Villa Teresita" hieß und sich der Resozialisierung von Prostituierten widmete. Sie gingen in die Häuser der Prostituierten und boten denen, die es wollten. Einen Arbeitsplatz an; es war ein sehr gutes Werk. Am Ende jedoch wurde ich mir klar darüber, dass wir in dieser Gruppe alles ein bisschen als „Hobby" taten. Ich sagte zu dieser Gruppe und der Schwester von Carmen: ,,Ich werde weggehen und unter den Armen leben."

Charles de Foucauld hat mir die Formel gegeben: in Stille zu leben wie Jesus von Nazareth, an den Füssen Jesu Christi inmitten dieser Leute. Ich kannte einen Sozialarbeiter, der mir einen Bereich von Palomeras Altas zeigte, wo eine Bretterbude frei stand, die den Hunden als Schutzhütte diente, und er sagte mir: ,,Richte dich hier ein und mach dir keine Sorgen." Dort fand ich Platz. Und da ist dann im Gründe alles entstanden. Dort in den Baracken wollte ich leben wie Charles de Foucauld, im Stillen, in Kontemplation: Wie sich einer vor der Eucharistie sammelt, zu Füssen der Realpräsenz Christi, so wollte ich zu Füssen des gekreuzigten Christus in den ärmsten und elendsten Leuten sein.
Der Herr brachte mich mit diesem Geist dorthin: Ich war der Letzte. Sie waren Christus. Einer hätte mir vielleicht sagen können: ,,Kiko, ich begreife nicht, was du da tust, hilf ihnen doch!" Hier gibt es einen sehr wichtigen Punkt für jene, die es verstehen, den Dingen auf den Grund zu gehen. ,,Wie bitte? Du versetzt dich in Anbetung, während diese Leute hier umkommen vor Hunger? Gib ihnen zu essen!" Ich hatte nichts, ich hatte nur die Bibel und die Gitarre bei mir, und schlief auf einem Strohsack auf dem Boden. Sonst besaß ich nichts.

Er empfand einen starken Schmerz im seinem Herzen und er fragte sich: ,.Was muss ich jetzt tun, um ihnen zu helfen, um mit mir selbst in Frieden zu sein?" Wisst ihr, welche Antwort er in seinem Innern erhielt? (Die Vater der Kirche nennen das ,,den sprechenden Christus", der in uns redet. Hs ist etwas sehr Tiefes). Das Buch erzählt, dass er spürte, er müsse sich auskleiden und sich mit ihnen in die Reihe stellen. Wir können uns fragen: Woher kam die Stimme, die er innerlich verspürte? War sie real? War es Einbildung? War es die Stimme Gottes? Wäre es nicht besser gewesen, den Zug anzuhalten und diese Menschen zu befreien? Vielleicht konnte er es nicht tun. Aber warum wäre es die Wahrheit gewesen, sich auszuziehen und in die Reihe zu stellen? Eine mögliche Antwort ist: Eine Person, die dort in der Reihe steht, befindet sich vor dem Drama, dass es womöglich gar keinen Gott gibt. Dass es keine Liebe in der Welt gibt und wenn es keine Liebe in der Welt gibt, existiert Gott nicht und das Leben ist eine Ungeheuerlichkeit, wir sterben absurd! Aber wenn es jemanden gibt, der dich begleitet? Christus selbst wird Mensch und stehlt sich mit dir in die Reihe aus Liebe. Dann existiert die Liebe. Gott existiert. Man kann leben. Die Wahrheit existiert! Das Leben und das Tod haben einen Sinn.

